Jeder Segler hört früh vom "scheinbaren Wind", aber es ist erstaunlich, wie viele ihre Segel weiterhin nach dem wahren Wind trimmen — jenem Wind, den man stillstehend am Steg spüren würde. In Wirklichkeit ist es der scheinbare Wind, die vektorielle Summe aus wahrem Wind und dem durch die Bewegung des Bootes erzeugten Wind, den die Segel sehen und auf den sie in jedem Moment reagieren. Diesen Unterschied zu verstehen und zu wissen, wie man ihn mit den Sensoren an Bord abliest, verändert die Art des Trimmens grundlegend.

Was der scheinbare Wind wirklich ist

Der scheinbare Wind ist das Ergebnis der Zusammensetzung aus wahrem Wind (der über dem Wasser weht, unabhängig vom Boot) und dem "Fahrtwind", also dem Luftstrom, den das Boot selbst durch seine Vorwärtsbewegung erzeugt — gleich groß und entgegengesetzt zu seiner Geschwindigkeit. Beschleunigt das Boot, nimmt dieser Fahrtwind zu und verschiebt den scheinbaren Winkel immer weiter nach vorne, verglichen mit dem wahren Wind. Deshalb scheint der Wind beim schnellen Segeln am Wind immer weiter "nach vorne zu drehen": Nicht der wahre Wind ändert seine Richtung, sondern das Boot erzeugt mit zunehmender Geschwindigkeit mehr Wind von vorne.

Warum der Unterschied für den Trimm wichtig ist

Die Segel haben keine Möglichkeit zu "wissen", woher der wahre Wind kommt: Sie reagieren ausschließlich auf den scheinbaren Luftstrom, der sie trifft. Wer die Segel nach dem wahren Wind aus einer Wetter-App trimmt, statt nach dem an Bord gemessenen scheinbaren Wind, holt sie auf schnellen Vorwindkursen fast immer zu dicht und lässt sie am Wind bei leichtem Wind nicht offen genug. Die Faustregel ist einfach: Das Segel wird immer nach dem scheinbaren Wind getrimmt, der wahre Wind dient nur der allgemeinen Strategie (welcher Kurs sich lohnt, welches Manöver ansteht).

Der deutlichste Effekt: Gleiten und Mehrrumpfboote

Bei schnellen Booten — Mehrrumpfbooten, Gleitjollen, aber auch Verdränger-Einrumpfbooten beim Wellenreiten — ist der Effekt verstärkt: Der scheinbare Winkel kann nahezu konstant bleiben oder sich mit zunehmender Geschwindigkeit sogar weiter schließen, was das (falsche) Gefühl erzeugt, der Wind komme immer von vorne. Wer das nicht berücksichtigt, neigt dazu, die Segel gerade dann zu dicht zu halten, wenn sie geöffnet werden müssten, um weiter zu beschleunigen.

Wie man den scheinbaren Winkel mit den Sensoren an Bord abliest

  • Ein Sensor für scheinbaren Wind am Masttop liefert Winkel und Geschwindigkeit des scheinbaren Windes in Echtzeit — deutlich zuverlässiger als das reine Körpergefühl im Cockpit.
  • Verknüpft man den scheinbaren Winkel mit den Werten der Drucksensoren am Segel, sieht man sofort, ob der aktuelle Trimm mit dem Winkel übereinstimmt, den das Segel tatsächlich sieht.
  • Ein BoomAngle-Sensor ermöglicht es, die Baumöffnung mit dem jeweiligen scheinbaren Winkel in Bezug zu setzen, statt "aus dem Gedächtnis" oder nach Augenmaß zu trimmen.
Ein guter Anhaltspunkt: Wenn sich die Bootsgeschwindigkeit spürbar ändert, der an Bord abgelesene scheinbare Winkel sich aber nicht entsprechend mitbewegt, liegt fast immer ein Trimmproblem vor, kein Windproblem.

Vom wahren zum scheinbaren Wind: die praktische Berechnung

Man muss keine Trigonometrie im Kopf rechnen: Moderne Instrumente berechnen den wahren Wind automatisch aus scheinbarem Wind, Geschwindigkeit und Kurs des Bootes (COG/SOG) — und umgekehrt. Was man wirklich braucht, ist die Gewohnheit, beide Werte gemeinsam im Blick zu behalten: den wahren Wind, um die Kursstrategie und aufkommende Böen einzuschätzen, den scheinbaren Wind, um die Segel von Moment zu Moment zu trimmen. Wer nur auf einen der beiden schaut, verliert die Hälfte der an Bord nützlichen Informationen.

Ein Praxisbeispiel: die Halse vor dem Wind

Bei Raumschots mit kräftigem wahrem Wind kann der scheinbare Wind stark abnehmen, auf schnellen Gleitbooten manchmal fast bis auf null: Deshalb müssen die Segel unter diesen Bedingungen offener gehalten werden als erwartet, auch wenn der wahre Wind stark erscheint. Den scheinbaren Wind während des Manövers zu beobachten, statt sich nur auf das Gefühl zu verlassen, verhindert, dass man mit einem für die neuen Bedingungen falschen Trimm halst.

Werte zentralisieren, um sie nicht im Kopf interpretieren zu müssen

Wahren Wind, scheinbaren Wind, Segeldruck und Baumwinkel manuell miteinander abzugleichen erfordert Aufmerksamkeit und Erfahrung. Eine Zentrale wie Bridge sammelt all diese Messwerte in einer einzigen Oberfläche und zeigt in Echtzeit, ob der aktuelle Trimm mit den jeweiligen Bedingungen des scheinbaren Windes übereinstimmt — ohne dass man mitten in einer Wende im Kopf rechnen muss.

Warum scheint der Wind beim Beschleunigen immer nach vorne zu drehen?

Weil sich der vom Boot erzeugte Fahrtwind zum wahren Wind addiert und den scheinbaren Winkel nach vorne verschiebt: Je schneller das Boot, desto ausgeprägter dieser Effekt.

Muss ich die Segel nach dem wahren oder dem scheinbaren Wind trimmen?

Immer nach dem scheinbaren Wind: Das ist es, was die Segel tatsächlich sehen. Der wahre Wind dient nur für strategische Entscheidungen wie den zu wählenden Kurs.

Warum müssen die Segel bei schnellem Vorwindkurs offener gehalten werden als erwartet?

Weil sich der scheinbare Winkel mit zunehmender Bootsgeschwindigkeit verringert und sich im Vergleich zum wahren Wind nach vorne verschiebt.

Berechnen die Sensoren an Bord automatisch wahren und scheinbaren Wind?

Ja, moderne Instrumente rechnen die beiden Werte automatisch anhand von Geschwindigkeit und Kurs des Bootes ineinander um und zeigen beide in Echtzeit an.